Fatma Kaşan: Deshalb wurde der Kongress der Freien Frauen verboten

Fatma KaşanAMED/DİYARBAKIR – Fatma Kaşan, Mitglied des gerade staatlich per Notstandsdekret geschlossenen Kongresses der Freien Frauen KJA, nimmt u.a. Stellung zu der von der Regierung ins Parlament getragenen Neuregelung bezüglich des Missbrauchs von Frauen. „Der einzige Grund des Verbots von Fraueneinrichtungen ist, dass Gesetze dieser Art (für die AKP) so leichter durchzuziehen sind“, so Fatma Kaşan.

Der 2015 als Dachverband der kurdischen Frauen gegründete und vor einigen Tagen staatlicherseits geschlossene und versiegelte Kongress der Freien Frauen (Kongreya Jinên Azad, KJA), so wie der Frauenrat der Partei der Demokratischen Regionen DBP, werden am 20. November eine Versammlung der Frauen durchführen. Die Frauen, die davon ausgehen, dass die in letzter Zeit forcierten Angriffe gegen Frauen nicht nur als ein regionales Problem zu betrachten sind sondern als Ergebnis einer allgemeinen Aggression zu sehen sind, riefen alle Frauen dazu auf, sich zu positionieren. Als Ergebnis der Diskussion aller Mitglieder des staatlicherseits geschlossenen KJA und der ihr angeschlossenen Verbände solidarisieren sich alle Frauenorganisationen unter der Parole „Unseren Kampf werdet ihr niemals mit dem Vorhängen eines Schlosses beenden können“. Fatma Kaşan, Mitglied des jetzt geschlossenen KJA äußerte sich zu diesen Themen und rief alle Frauen zum gemeinsamen Handeln auf.

Kaşan legte dar das versucht würde, den starren Nationalstaat auf der Basis eines „religiös verbrämten Faschismus“ zu retten und dass zu diesem Zweck ein Angriff auf das soziale Gefüge erfolge. „Wenn das Model eines starren Nationalstaates und damit einhergehend die Vereinheitlichungen Erfolg haben sollen, müssen sie das gesamte soziale Gefüge auf Basis von Nationalismus, Androzentrismus und Religiosität neu formen“, so Kaşan, „Deshalb reorganisieren sie die starren Kräfte und den Patriarchalismus. Das organisieren sie über Sekten/Orden und militaristische Kräfte. Um damit Erfolg zu haben, nehmen sie die Frau unter starken Beschuss. In diesem Zusammenhang ist auch die Schließung des KJA, die den konkreten Ausdruck der Frauenbewegung darstellt, und der ihr angeschlossenen Institutionen, zu verstehen. Zuerst hatten sie es mit dem Einsetzen von Zwangsverwaltern auf Bürgermeisterposten auf das System der Covorsitzenden (Anm. d. Ü.: jede Stelle wurde sowohl mit einem Mann als auch einer Frau besetzt) abgesehen. Vor allem die weiblichen Covorsitzenden wurden unter starken Druck gesetzt und viele fielen der Verhaftungswelle anheim. Dort wo (die AKP) einen Zwangsverwalter einsetzte war das erste was dieser tat die Schließung von frauenpolitischen Einrichtungen, von Zentren der Beratung für Frauen und soziale Einrichtungen für Frauen. Alle in dem Rahmen gebildeten Kooperativen zur Stärkung der Frauen auf ökonomischem Gebiet sind vollständig ausgehebelt worden. Wir betrachten die Schließungen von Fraueneinrichtungen nicht als Teil eines generellen Angriffs, sondern ganz im Gegenteil als Vorbedingung. Damit politische Angriffe Erfolg haben und ihr Ziel erreichen können, muss (die AKP) zuerst die Frauenbewegung eingrenzen, unterdrücken und liquidieren“, erklärte Frau Kaşan.

„Jene, die dieses Ziel verfolgen, wollen uns Frauen das vor uns liegende Jahrhundert rauben. Es handelt sich um eine Intervention mit dem Ziel, das 21. Jahrhundert als Jahrhundert der Befreiung der Frau, zu torpedieren. Deshalb betrachten sie die aktuellen Angriffe auf die Einrichtungen der Frauen nicht lediglich als eine Phase, sie können der Frau das 21. Jahrhundert kosten. Das ist das was sie wollen, das ist ihr Ziel. Werden die kurdischen Frauen, hinter denen 40 Jahre eines unerbittlichen Kampfes liegen, das zulassen? Sicher nicht“, so Kaşan. „In der Hinsicht haben wir auch einen Aufruf an die Frauenbewegung in der Türkei, an die Frauenbewegungen in der Welt gestartet. Denn die aktuellen Angriffe sind nicht allein als lokales Problem einer Region zu verstehen. Es handelt sich vielmehr um einen gesamt Angriff. Es ist ein Angriff der die Qualität besitzt, die Zukunft aller Frauen zu prägen. Deshalb ist es Notwendig, dass alle Frauenbewegungen der Welt die Entwicklungen im Nahen Osten als Mittelpunkt ihrer eigenen Zukunft verstehen und mit einer umfassenden Solidarität diesem Paroli bieten.“

Die Frauen, die alle Aktivistinnen und Mitglieder der KJA sowie die ihr angeschlossenen Verbände zusammenbringen und mit ihnen diskutieren möchten, haben die Parole „Unseren Kampf (um Befreiung) werdet ihr niemals mit dem Vorhängen eines Schlosses beenden können“ ausgeben. So sagt Kaşan denn auch: „Wir lassen uns nicht auf ein Gebäude oder auf einen Verein reduzieren. Für uns ist jeder Ort und jeder Platz ein Ort, an dem es möglich ist im Sinne der Frauenbewegung aktiv zu sein. Wenn es was die Mittel betrifft dazu kommt, sie funktionslos zu machen, so sind wir entschlossen neue Mittel und Wege zu finden und die Frauenbewegung zu intensivieren. Dies ist der Focus unserer Diskussionen. Auf Vorschlag des Frauenrates der DBP haben wir uns entschlossen, in Solidarität mit allen Frauenorganisationen zusammenzukommen und unsere Probleme, die aus den Angriffen auf die Frauenbewegung resultieren, gemeinsam zu diskutieren. Wir wünschen uns ein Treffen auf dem wir diskutieren, wie wir gegen diese Angriffe vorgehen. Auf dieser Grundlage haben wir beschlossen, uns am 20. November im Kreisgebäude der DBP in Amed zu treffen. Wir haben Frauen aus den Frauenorganisationen der Türkei und der Welt dahin eingeladen. Wir werden darüber diskutieren, wie wir die Emanzipationsbewegung der Frauen organisieren können.“

Aber Kaşan kam auch auf das Gesetz zum Missbrauch, dass Abgeordnete der AKP vors Parlament getragen hatten, zu sprechen. Im Falle von Missbrauch an Frauen sieht das neue Gesetz Straffreiheit für die Täter vor, wenn diese anschließend ihr Opfer heiraten. Kaşan bezeichnete den Gesetzesvorstoß als bestialisch. Noch entsetzlicheres ist für Frauen kaum möglich. „Das ist ein weiteres Teil im Mosaik der Gewalt und des Massakers an Frauen insgesamt. Es steht der Gewalt und Ermordung von Frauen in nichts nach. Das Gesetz ebnet sowohl der Vergewaltigung junger Frauen im Kindesalter den Weg, als auch das sie gezwungen werden, ein Leben lang ihrem Vergewaltiger ausgeliefert zu sein. Die Folgen, die das im Leben der Frau und des Kindes bedeuten, sind unermesslich. Es handelt sich geradezu um ein seelisches Massaker. Etwas Schlimmeres ist kaum noch möglich. Für uns ist das inakzeptabel. Als das Gesetz durch das Parlament gewunken wurde war unsere erste Reaktion: Der einzige Grund, warum Frauenorganisationen geschlossen wurden, ist, dass Gesetze dieser Art, der Angriff auf die Stellung der Frau in der Gesellschaft und auf Frauenrechte, ohne die geringste Opposition durchgeführt werden können. Ihr Ziel ist die Neuordnung der Gesellschaft zum Nachteil der Frau. Das ist die einzige Erklärung für die Angriffe dieses Ausmaßes gegen die Frauenbewegung, für die Verhaftungswelle und die Schließung ihrer Institutionen.“

„Der Gesetzesentwurf ist ein Skandal für die politische Landschaft der Türkei und die Gesellschaft. Deshalb richten wir an alle Frauenorganisationen der Türkei und alle kurdischen Frauen einen Aufruf. Ein Gesetzt, das eine Frau, ein Kind dazu nötigt den eigenen Vergewaltiger zu ehelichen, die Absegnung eines solchen Gesetztes durch das Parlament, ja allein die Vorlegung eines solchen Gesetzes, ist der tiefst mögliche Punkt, auf den die Türkei sinken kann. Nie war der Kampf der Frauen nötiger als jetzt. Das einzige, was die Türkei aus der Sackgasse zu führen im Stande ist, ist die Bewegung der Frauen. Es lässt uns um das was in Zukunft in der Türkei noch weiter passieren kann fürchten. Jene, denen es heute gelingt ein solches Gesetzt der Moral und dem Gewissen der Gesellschaft anzudienen, können morgen der Frau noch furchtbareres antun. Auf dieser Grundlage verwirklichen wir das Zusammenkommen der Frauen. Wir werden auf dieser Basis die Ziele der Frauenbewegung für diese Phase neu bestimmen und versuchen, unsere Kinder zu retten.“

Die kurdische Frauenbewegung hat auf ihrem Treffen am 20.11. in Amed beschlossen eine neue Dachorganisation zu gründen. Als Tevgera Jinên Azad / Bewegung der Freien Frauen (TJA) werden sie künftig zusammenkommen.

Dihaber, 19./20.11.2016, ISKU