„Wir gehen auf Beerdigungen und auf dem Rückweg ins Gefängnis“

Mütter der hungerstreikenden Gefangenen haben sich ebenfalls dem Hungerstreik angeschlossen. | Foto: dihaber

Mütter der hungerstreikenden Gefangenen haben sich ebenfalls dem Hungerstreik angeschlossen. | Foto: dihaber

Kommentar

„Wir gehen auf Beerdigungen und auf dem Rückweg ins Gefängnis“

Wir erleben in der Türkei Tage, die dunkler sind als alles zuvor. Der Putsch von Erdoğan stellt in seiner Dimension selbst den Militärpusch vom 12. September 1980 in den Schatten. Wer glaubt, das sei reine Rhetorik, der irrt. Was in der Türkei in den letzten zwei Jahren geschehen ist, ist so dramatisch, dass es nicht anders zu beschreiben ist. In diesen zwei Jahren hat sich in der Türkei ein Regime der Willkür und des Terrors etabliert. Wer heute unkt, die Türkei könne nach dem Referendum zur Verfassungsänderung zur Diktatur mutieren irrt. Sie wird nicht zur Diktatur, sie ist bereits eine. Erdoğan braucht die Volksabstimmung nicht, um despotisch zu herrschen. Das tut er bereits.
Das Parlament, obwohl vorhanden, spielt keinerlei Rolle mehr. Aber das scheint das Parlament nicht zu stören, ist es in der Türkei etwas anderes doch nicht gewöhnt. Die Medien sind verboten, die verbliebenen gleichgeschaltet. Tausende junger Menschen, ob Männer oder Frauen, wurden zu „Terroristen“ deklariert, ermordet oder füllen nun zuhauf die Gefängnisse. Wer einer Diktatur in der Türkei keinen Vorschub leisten will, muss zuerst mit deren Mentalität und Rhetorik brechen. Das gilt für die Politik in der Türkei genauso wie für die in Europa. Die Opposition muss wieder als das wahrgenohmen werden was sie ist, Opposition. Die CHP hat das nicht getan und so ihr eigenes Schicksal besiegelt. Wer weiß, ob Kılıçdaroğlu (Chef der CHP) sich nicht schon heimlich fragt, wann er denn wohl eine Zelle mit Demirtaş (HDP) teilen wird?
Es gibt noch ein paar Tapfere. Ohne Frage. Und das ist gut so. Und doch, die Angst im Lande nimmt zu. Wie viele sind bereits verstummt, wo sie vorher laut wurden? Wie gesagt, wir erleben in der Türkei Tage, die dunkler sind als alles zuvor.
In Zeiten wie diesen, in Zeiten, in denen es auf der Straße still wird, in denen das Gewissen eines Landes hinter Gefängnismauern verschwindet, da beginnt es sich erneut von dort zu melden. In inzwischen 27 Gefängnissen der Türkei sind mindestens 219 politische Gefangene im Hungerstreik. Einige bereits seit 58 Tagen. Und es werden mehr. Sie fordern die Aufhebung der Ausgangssperren, die der Grund sind, warum etwa eine halbe Million Menschen in der Türkei zwangsvertrieben wurden. Sie fordern die Aufhebung der Isolationshaftbedingungen gegen Abdullah Öcalan. Nicht nur, weil Totalisolation unmenschlich ist, sondern weil es keinen anderen Weg gibt zu Demokratie, Frieden und Menschenrechten in der Türkei. Sie fordern ein Ende von Massenverhaftungen, von Folter, von Isolationshaft. Mit Verhängung des Notstands (OHAL) kam es zur Aussetzung jeglicher Rechte von Inhaftierten. Sie fordern die Beendigung und Rückgabe der Rechte.
Wie nach 1980 waren es wieder zuerst die Mütter, die sich für die Inhaftierten stark machten. Was wären die Kurden ohne ihre Mütter? Auch sie befinden sich jetzt im Hungerstreik. In İzmir, in Amed, in Wan und İstanbul. Die Mauern durchbrechen. Sie müssen sie durchbrechen. Das Schweigen muss enden. 6 politische Häftlinge im Iran, in den Gefängnissen von Urmiye und Tebriz, haben erklärt, aus Solidarität für 3 Tage in den Hungerstreik zu treten. Kimberly Taylor, eine junge Internationalistin die sich der YPJ angeschlossen hat und mit ihrer Einheit vor Rakka steht, auch sie bekundet ihre Solidarität und schließt sich für eine Woche an. Am 13. April beginnt ein Solidaritätshungerstreik in Strasbourg. 50 Vertreter verschiedener Organisationen, Journalisten, Künstler und Akademiker aber auch Abgeordnete der HDP wie Faysal Sarıyıldız und Tuğba Hezer werden an ihm teilnehmen. Auch ihr Ziel: das Schweigen zu durchbrechen. Das Schweigen, das sind wir – Du und Ich. Ayşe Irmak erklärte einmal während eines Hungerstreiks: „Wir werden inhaftiert, weil wir zu Beerdigungen gehen. Wir gehen auf Beerdigungen und auf dem Rückweg ins Gefängnis. Wir möchten eine Leben ohne Gefängnis und Tote“.

13.04.2017, ISKU

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